An der Freien Evangelischen Schule Dresden erleben wir täglich, wie unsere Schülerinnen und Schüler das Leitbild "Miteinander glauben, lernen und leben" mit Leben füllen. Ein wichtiger Baustein unserer schulischen Arbeit ist die Schülermitwirkung, bei der die Heranwachsenden ihr Umfeld aktiv gestalten, Verantwortung übernehmen und so wichtige Selbstwirksamkeit erfahren.
Vielleicht erinnern Sie sich an unser faszinierendes Unterrichtsprojekt, bei dem die Kinder eigene Fantasiegeschichten verfasst und diese anschließend als echtes, greifbares Buch gebunden haben. Eine dieser Geschichten möchten wir heute besonders hervorheben, da sie uns durch ihre emotionale Tiefe und erzählerische Kraft beeindruckt hat.
Julias Reise
Mein Name war Julia, als ich noch lebte. Das war vor einem Tag. Ich las unglaublich gerne Bücher, deswegen wurde ich sogar in der Schule als "Streberin" bezeichnet. Obwohl ich nicht einmal Lehrbücher las. Nur spannende, mystische Fantasiegeschichten
fand man in meinem Bücherregal. Auch wegen meiner Kleidung wurde ich oft gemobbt. Ich trug immer (egal zu welcher Jahreszeit) Baggy-Jeans, bauchfreie T-Shirts, ein Stirnband und Sneaker. Meistens war alles in Schwarz, selten aber auch mal weiß oder grau. Meine Eltern fanden, dass ich mit 16 Jahren auch mal etwas anderes tragen konnte, aber ich sagte dann
immer: "Ich gehe ja so heraus, nicht ihr. Also darf ich auch das anziehen, was ich will." Im Sport wurde ich aber als Erste gewählt, da ich 1,84 m groß war und nur gute Noten in Sport hatte.
Eine beste Freundin gab es bei mir nicht. Die einzige Freundin, die ich je hatte, hieß Aurora und sie war wunderschön und schlank. Ihr lockiges, braunes Haar fiel ihr über die Schultern, und wenn sie lächelte, strahlte ihr ganzes Gesicht mit ihren dunkelbraunen Augen um die Wette. Doch vor knapp 10 Jahren auf einer Party, nahe der Klippen, erzählte sie mir, dass sie
in ein paar Wochen umzog. Nach München zog sie eine Woche darauf und ich hörte nie wieder etwas von ihr.
Seitdem hatte ich keine Freundin mehr. Ein paar Leute waren nett zu mir, aber für eine Freundschaft reichte es nie. Als meine Eltern es merkten (dass ich keine Freunde mehr fand), zogen wir von Binz nach Dresden, damit ich dort neu anfangen konnte. Aber auch dort fand ich keine Freunde und wurde sogar noch mehr gemobbt. Aber meine Eltern sahen es nicht ein, zurück nach Binz zu ziehen. Nach dem Umzug war es noch viel schwerer für mich, da ich so weit von meiner Heimat entfernt war und trotzdem keine Freunde fand. Ab und zu riefen ein paar Leute aus meiner alten Klasse an. Aber auch diese riefen immer
unregelmäßiger an. Irgendwann war das Telefon dann still.
Meine Eltern waren sehr betrübt, halfen mir trotzdem nicht. Doch dann kam dieser Tag, der alles veränderte ...
Es war der 04.09.2040 und die rot-goldenen Blätter fielen wie Regen auf mich herab, als ich zur Schule ging. Dieser Montag war der schlimmste in meinem Leben! Ich stieg, wie jeden Tag, aus dem Bus aus. Doch auf einmal packte mich eine Schwindelattacke und ich fiel zu Boden. Vor meinen Augen tanzten bunte Punkte. Dann wurde alles schwarz.
Als ich aufwachte, lag ich auf einem weichen Himmelbett. Ich setzte mich auf und in dem Moment kam ein alter Mann herein. Er war groß, trotzdem berührte er die hohe Decke nicht. Er war mager, besaß grau-weiße Haare, die ihm bis zur Schulter gingen, außerdem trug er einen weißen, makellosen Frack. Seine schwarzen, polierten Schuhe glänzten im Licht der monströsen Kronleuchter. Diese hingen in einer Höhe von, ich schätzte die Höhe auf 3, vielleicht 4 Meter. Der alte Mann kam näher und sagte: "Wie heißt du, Mädchen?" Ich antwortete, also ich wollte es, doch aus meiner Kehle drang nur ein leises Stöhnen. "Tira, nimm sofort den Zauber von dem Mädchen!", schrie der Mann auf einmal. Plötzlich fühlte ich mich freier und antwortete, zwar zögerlich, aber bestimmend: "Mein Name ist Julia Collins."
"Nun Julia, mein Name ist Alfonso Allin. Der Nachname kommt von dem englischen All-in, was so viel wie 'alles drin' bedeutet. Denn ich bin der allwissende Professor", sagte der Professor. Doch auf einmal erschrak ich, denn hinter ihm trat ein mächtiger Pegasus durch eine hohe, zweiflügelige Tür. Der Professor lächelte freundlich und zeigte auf den Pegasus. Dieser trat mit einem Huf auf den Boden. Dort, wo er hintrat, entstand jeweils ein Buchstabe. Zuerst ein T, dann ein I, ein R und ein A. Das war also Tira. Ich starrte den Pegasus an, doch in dem Moment gingen die Kronleuchter aus und es wurde stockdunkel. Ein hämisches Lachen war zu hören. Mich packte etwas an der Hand und zog mich in die Ecke des Raums.
Ich schrie, so laut ich konnte. Da schlug eine Hand vor meinen Mund. Mein Schrei verstummte. "Ich bin es", raunte der Professor so leise, dass ich es kaum hörte. Ich wurde hochgehoben und fand mich im nächsten Moment sitzend auf etwas Weichem wieder. Ich spürte Haare und ich merkte, dass ich auf Tira saß. Der Ruck, der durch Tira ging, ließ mich schwanken. Doch es waren zwei Hände, die mich vor dem Fall in die Dunkelheit bewahrten. Der Professor flüsterte: "Pass auf. Es könnte schmerzhaft werden!" Bevor ich ihn fragen konnte, warum, breitete Tira ihre Flügel aus und flog durch die gläserne Front des Saals. Es
klirrte laut. Ich spürte überall an meinem Körper Glassplitter, die sich in meine Haut bohrten. "Hier, nimm das und wirf es in die Richtung, aus der wir gekommen sind", sagte der Professor so laut, dass ich zusammenzuckte. Ich spürte einen langen Gegenstand und warf ihn.
Eine Explosion verdrängte die Dunkelheit, und erst jetzt sah ich das Haus, nein, es war ein Schloss. Doch dieses wunderschöne Schloss brannte nun nieder. Ein helles Licht blitzte auf und im nächsten Augenblick stand die Sonne hoch am Himmel. Ich blickte mich um und entdeckte eine riesige Bücherwelt. Alles war aus Büchern gemacht oder sah aus wie ein Buch. Die Häuser, die Bäume, auch die Menschen waren alle mit Büchern bekleidet und selbst die Straßen waren mit Büchern gepflastert. Tira landete und ich sprang herab. "Was war das im Schloss?", schoss die Frage sofort aus meinem Mund. "Das war eine dunkle
Prinzessin. Sie und ihre Gehilfen versuchen immer wieder, mich oder Booktopia anzugreifen", kam die freundliche Antwort von Professor Allin.
100, nein 1000 Menschen strömten nun auf den Marktplatz. Manche bauten Verkaufsstände auf, andere verschwanden in den riesigen Häusern und gingen ihrer Arbeitsroutine nach. Kinder schrien und das Stimmengewirr wurde immer lauter. Doch auf einmal fiel ich zu Boden und mein Herz raste. Ich sah ein verschwommenes Gesicht, das immer deutlicher
wurde. War das etwa Aurora?
Die Welt verblasste und ich schlug die Augen ganz auf. Ich lag in meinem Bett. Meine Mum sah mich an. Aurora, meine Mum. War das alles etwa nur ein Traum? "Julia, hast du gut geschlafen?", fragte sie. "Ja, ich hatte bloß einen seltsamen Traum", flüsterte ich. Sie ging hinaus und ich folgte ihr zum Frühstück. Kurz bevor ich mein Zimmer verließ, sah ich aus dem Augenwinkel ein Buch. Ich ging zurück. Ich schlug es auf und blätterte durch die Seiten. Es beschrieb meinen Traum so präzise genau. Ich schlug das goldene Buch, mit dem Titel "Julias Reise", zu. Jedes Mal, wenn ich traurig war, las ich darin. Und jedes Mal sagte ich laut: "Bis zum nächsten Mal, Professor."
Ein Plädoyer für bedingungslose Annahme
Die Geschichte von Julia, geschrieben von Paula aus der 5. Klasse, berührt uns tief, da sie auf eindrückliche Weise Themen wie
Ausgrenzung und Mobbing aufgreift. An der FES Dresden steht das christliche Menschenbild im Zentrum unseres Handelns: Jeder Mensch ist ein einmaliges Geschöpf Gottes und besitzt allein dadurch einen unveräußerlichen Wert und eine unantastbare Würde.
Dass wir alle ganz unterschiedlich sind – sei es durch unsere Herkunft, unseren persönlichen Glauben oder unsere individuellen Fähigkeiten –, sehen wir in unserem Schulalltag nicht als Hindernis, sondern als großen Reichtum. Wir setzen uns jeden Tag ganz praktisch dafür ein, dass jeder Mensch seinen festen Platz bei uns findet und seine Stärken einbringen kann. So bilden gegenseitiger Respekt und Wertschätzung das feste Fundament unserer Schulfamilie. Niemand soll sich bei uns alleingelassen fühlen, wie es die Protagonistin in der Geschichte leider erleben musste.
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